• Veröffentlicht: 29.10.2015
  • Auf SciViews seit: 11.02.2016
  • Sprache: englisch
  • Untertitel:
    deutsch
  • Laufzeit:
    0:05:41
Drogen

Einseitiger Blick auf die Sucht

Ein Film macht glauben, endlich die Wahrheit über Sucht zu erzählen. Dabei sieht er doch wieder nur einen Teil des Ganzen.

Von der SciViews-Autorin

Wer 20 Tage lang Heroin spritzt, wird am 21. Tag physisch abhängig sein. Schuld ist die chemische Zusammensetzung der Substanz. Auf diese kurze Formel bringt das deutsch untertitelte Video aus der Reihe "Kurzgesagt – in a nutshell" ein in der Bevölkerung verbreitete Verständnis von Sucht. Doch dann legen die Macher nach: "Fast alles, was wir denken, über Sucht zu wissen, ist falsch." Dabei berufen sie sich auf den britischen Journalisten und Autor des Buchs Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges, Johann Hari, auf dessen Recherchen das Filmchen basiert. Denn läge die Ursache allen Übels in der Substanz selbst, müsse jeder Schmerzpatient, der in der Klinik Diamorphin, so der Wirkstoffname von Heroin, verabreicht bekommt, zwangsläufig zum Junkie mutieren. Hari, gegen den vor einigen Jahren unter anderem Plagiatsvorwürfe erhoben wurden (woraufhin er einige Verfehlungen zugab), hat eine andere Theorie: Wer isoliert und unglücklich lebt, wird süchtig – wer gute soziale Bindungen hat, nicht.

Doch ganz so einfach, wie uns das Filmchen glauben lassen will, ist die Sache leider nicht. Außerdem hat die Argumentationskette einige wackelige Punkte:

  • Das Video vermittelt den Eindruck, jede ältere Dame bekäme nach ihrer Hüft-OP in der Klinik Diamorphin gegen ihre Schmerzen verabreicht. Weit gefehlt! Zwar findet die Substanz in Kanada und Großbritannien, Haris Heimat, tatsächlich in der Schmerztherapie Anwendung, vorwiegend jedoch bei starken chronischen oder extremen akuten Schmerzen sowie in der Palliativmedizin. In Deutschland und vielen anderen Ländern ist Diamorphin für die Schmerztherapie nicht zugelassen. Grund ist das hohe Suchtpotenzial!
  • Anders als im Film suggeriert, wird längst nicht jede Laborratte abhängig von Heroin und anderen legalen oder illegalen Drogen, – auch wenn alle Tiere im Experiment die selben Drogen bekommen und zudem identische Lebensbedingungen haben. Das alleine zeigt schon, dass zur Abhängigkeit mehrere Faktoren gehören. Und auch Menschen sind unterschiedlich anfällig für Sucht – etwa aufgrund ihrer genetischen Veranlagung. Doch das scheint nicht in die Schwarz-Weiß-Argumentation des Films zu passen.
  • Die im Film präsentierten "Rat Park"-Experimente, nach denen Ratten, die statt in tristen Laborkäfigen in einer anregenden Umgebung mit Artgenossen leben, nicht süchtig werden (die Tiere bekamen im ursprünglichen Experiment Ende der 1970er Jahre übrigens Morphin, nicht Heroin), ließen sich später von anderen Arbeitsgruppen so nicht reproduzieren. Ist die Sache am Ende vielleicht doch nicht so klar?
  • Beeindruckend ist, was der Film über Vietnamveteranen berichtet: Rund 20 Prozent der Heimkehrer seien heroinabhängig gewesen, aber nur ein Prozent blieb an der Nadel hängen. Der Film argumentiert, die Sucht, die unter den widrigen Umständen des Krieges entstanden ist, habe später, unter den guten Lebensbedingungen, in der Heimat keine Rolle mehr gespielt. Doch vielleicht ist die Situation der Veteranen – mit dem Wechsel vom trauten Heim in die Kriegshölle in Vietnam und wieder zurück – nicht wirklich mit den Lebensrealitäten von Junkies vergleichbar.

Fazit: Ein künstlerisch gut gemachter Animationsfilm mit einer Botschaft, die im Umgang mit Sucht und Süchtigen unbedingt eine Rolle spielen sollte. Aber sie ist eben nicht die einzige. Der Film vereinfacht ein komplexes Thema derart, dass es schon bedenklich ist. Schauen Sie sich daher lieber andere Werke aus der Reihe "Kurzgesagt – in a nutshell" an. Denn schicke Infofilme macht das Münchner Team auf jeden Fall.

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