• Veröffentlicht: 23.11.1942
  • Auf SciViews seit: 04.09.2015
  • Sprache: englisch
  • Laufzeit:
    0:03:11
Werkstoffe

Die Wunderwelt des Asbest

1942 schwärmte man noch von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Mineralfaser – aber schon damals wider besseres Wissen.

Vom SciViews-Autor

Manchmal findet man auf YouTube regelrechte Perlen – und dieses Werk, das erstmals 1942 über die Kinoleinwände flimmerte, zählt auf seine Weise zu den wohl erlesensten darunter. Es dreht sich um Asbest: nicht als Gefahrenquelle, sondern als Wunderfaser, die zahllose technische und industrielle Anwendungen ermöglicht. Selbst den Alltag verbessert sie. Dank feuersicherer Vorhänge und unbrennbarer Tischdecken, so schwärmt der Film, müssen Raucher nicht mehr aufpassen.

Es ist faszinierend und erschreckend, welche Naivität hier im Umgang mit einer Substanz an den Tag gelegt wird, die mittlerweile zu den verbotenen Gefahrstoffen zählt – vor allem auch deshalb, weil sich diese Naivität selbst mit der damaligen Zeit nicht annähernd erklären lässt.

Aber zuerst einmal zum Film. Im Vordergrund des Dreiminüters stehen Näherinnen, die feuerfeste Kleidung aus Chrysotilasbest zusammennähen oder die Stoffe dafür zurecht schneiden. Gezeigt wird auch der laut Sprechertext damals wichtigste Einsatzzweck von Asbest, nämlich Bestandteile von (Flugzeug-)Motoren vor tiefen Temperaturen und Feuer zu schützen. Außerdem darf man den gepflegten Händen einer Frau dabei zusehen, wie sie von einem Asbestblock mit dem Messer kleine Schnipsel lösen.

Atemschutz trägt keiner der Protagonisten. Doch Asbestfasern in der Atemluft haben eine fatale Wirkung. Die einzelnen Fasern sind typischerweise so klein, dass sie die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation für lungengängige Fasern mit Leichtigkeit erfüllen: eine Länge ab fünf Mikrometer (Millionstel Meter), ein Durchmesser von weniger als 3 Mikrometer und ein Längen-Durchmesser-Verhältnis von 3:1. Diese Geometrie ermöglicht es den Asbestfasern nicht nur, sehr lange in der Luft zu schweben, sondern auch, einmal eingeatmet, in die Lungenbläschen einzudringen.

Bedauerlicherweise sind sie andererseits zu groß, als dass Makrophagen im Körper sie umschließen und abtransportieren können. Sie bleiben also in den Lungenbläschen, wo das Unheil dann seinen Lauf nimmt: Die Krankheitsbilder reichen von Asbestose über Lungenkrebs, Lungenfellkrebs und Rippenfellkrebs. Raucher können ihr Lungenkrebsrisiko sogar noch steigern: Gegenüber Nichtrauchern erhöht es sich bei Asbestbelastung um weitere 10 Prozent. Heute gilt daher, dass beim Umgang mit Asbest – zu dem es hierzulande nur noch im Zusammenhang mit seiner Entsorgung kommt – Staubentwicklung tunlichst vermieden werden soll, außerdem ist das Tragen einer entsprechend klassifizierten Atemmaske erforderlich.

Nun könnte man es sich einfach machen und die Naivität des Films seiner Entstehungszeit anlasten: Natürlich hat man einige Gefahren damals nicht so deutlich gesehen wie heute. Aber in Bezug auf Asbest hätte man durchaus klüger sein können. Und schlimmer noch: Man war es schon damals. Immerhin war die Lungenkrankheit Asbestose seit 1900 bekannt. Und bereits 1943, also nur ein einziges Jahr nach Erscheinen des Films, wurde der Zusammenhang von Asbeststäuben und Lungenkrebs als Berufskrankheit anerkannt. Schaue ich mir die Menschen im Film an, die vollkommen ungeschützt mit Asbest arbeiten, erschrecke ich, wenn ich überlege, wie ihre Geschichte wohl weiter gegangen ist.

Und was war es, das uns den Schlamassel eingebrockt hat? Der unkritische Glaube an eine großartige neue Welt, in der die gut dämmende, hitze- und säurebeständige und obendrein verwebbare Wunderfaser den Schiffsbau und die Bauindustrie befördert, aber auch bei der Reifenherstellung und in vielen anderen Bereichen zum Einsatz kommt.

Noch eine letzte Anmerkung: Der Film scheint den Anschein zu erwecken, dass natürliche Fasern – zu denen auch Asbest zählt – künstlichen vorzuziehen seien; eine Behauptung, mit der mancher auch heute noch gern seine Interessen befördert. Schließlich, so will der Sprecher wohl implizieren, kann ein Naturprodukt nicht schädlich sein. Doch, das kann es sehr wohl.

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